Offener Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz
Von einer Tochter, die eine Tochter hat
Sehr geehrter Bundeskanzler Merz,
Sie sagten, es gebe ein „Problem im Stadtbild“, man solle „seine Töchter fragen“, um eine Definition für Ihre Formulierung zu erhalten.
Ich bin eine Tochter. Und ich habe eine Tochter.
Ich weiß, was gemeint ist. Aber nicht in dem Sinne, wie Sie es offenbar vermuten oder uns
Töchtern unterstellen.
Wenn Sie von „Töchtern“ sprechen, sprechen Sie bitte nicht über uns, sondern mit uns. Sprechen Sie nicht nur mit Ihrer Tochter, sondern mit uns allen. Und mit uns allen bedeutet, dass Sie mit unterschiedlich alten Frauen und Mädchen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten ins Gespräch gehen, dass Sie ein offenes Ohr zeigen, dass Sie wirklich zuhören, was wir zu sagen haben und dass Sie daraus wirklich realitätsnahe Schlüsse ziehen, die sich in ernst gemeinter
Frauenpolitik zeigt.
Ich bin mir sicher, dass ich für Sie ein viel zu kleines Licht bin, als dass Sie mein Brief überhaupt erreicht oder interessieren würde. Ich habe Sie nicht gewählt, wurde bisher von Ihrer Politik auch nicht davon überzeugt, dass Sie eine gute Wahl gewesen wären. Es wäre ein sehr großes Wunder, wenn Sie mein Brief erreichen würde. Wenn dies der Fall wäre, wäre meine Bitte einfach nur, dass Sie sich Zeit nehmen, ihn zu lesen und versuchen, zu verstehen, was ich Ihnen schreibe.
Ich weiß, wie sich Angst anfühlt: der beschleunigte Schritt im Dunkeln, der Schlüssel in der Faust, immer wieder nachfühlend, ob die spitzeste Stelle zwischen den Fingern hinausragt, um verletzen
zu können, wenn es notwendig wird. Ich weiß, wie die Gedanken kreisen, ob man die Straßenseite wechseln sollte, weil jemand, den man im Dunkeln nicht gut erkennen kann, für das innere Sicherheitsempfinden schon zu lange hinter einem herläuft. Ich kenne das Gefühl, (heimlich) beobachtet zu werden und das noch vertrautere Gefühl, wenn es von anderen heruntergespielt wird. Meist sind es männliche Menschen, die dies tun.
Aber meine Angst richtet sich nicht gegen ein bestimmtes „Stadtbild“. Sie richtet sich gegen
Strukturen, gegen ein System, das Frauen immer wieder in die Rolle der Vorsichtigen, der Verantwortlichen, der Schuldigen drängt.
Wenn Sie von „Töchtern“ sprechen, sollten sie wissen, was wir wissen und was für zu viele leider tagtäglich Realität ist: Die größte Gefahr für Frauen und Mädchen lauert nicht auf der Straße, sondern im eigenen Zuhause. Laut dem Bundeskriminalamt wird in über 80 % der Fälle häusliche und sexualisierte Gewalt von Partnern, Ex-Partnern oder Bekannten verübt.
Nicht von Fremden. Nicht von denen, die Ihr Stadtbild trüben. Denn das Bild, das Sie zeichnen, spiegelt höchstens Ihre Angst wider, nicht unsere Realität.
Unsere Realität ist, dass in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird. Femizide sind für uns real greifbar. Hilfen zu erhalten ist schwer. Wie denn auch, wenn Frauenhäuser überfüllt sind, Betroffene zu wenig Schutz und Unterstützung erhalten, Anzeigen erst nicht aufgenommen werden oder im Sande verlaufen?
Das Leben einer Frau in führenden Positionen, in Parlamenten, oder in Führungsetagen sieht noch immer so aus, dass man sich fragen lassen muss, ob man sich hochgeschlafen habe. Und hier stehen wir nur am Anfang der Fülle an sexistischen Kommentaren. Ist dieses Thema auf Ihrer
politischen Agenda? Ich habe es noch nicht medienwirksam verarbeitet gesehen.
Meine Tochter lernt, wie andere Töchter auch, dass sie unter ein Kleid eine Radlerhose ziehen sollte. Nicht, weil es besonders modisch wäre, sondern als Schutz. Sie lernt, wie man sich gezielt verteidigen kann. Nicht, weil wir ihr Gewalt gegenüber anderen beibringen möchten, sondern weil
sie wissen muss, wie sie sich verteidigen kann, wenn ihr jemand (trotz gezogener Grenzen) zu nahekommt. Sie lernt, dass sie, wenn sie älter ist, abends besser nicht allein unterwegs ist, sondern in einer Gruppe. Nicht, weil sie unselbstständig ist, sondern weil sie den Schutz der Gruppe benötigt. Sie lernt, dass es auf Volksfesten eigene Schutzzonen für Frauen gibt. Nicht, weil auf solchen Festen migrantische Heerscharen auf sie warten, die sie hinter den nächsten Busch schleifen wollen, sondern weil zu viele Männer, unabhängig ihrer Herkunft, glauben, dass ihnen das Geschlecht meiner Tochter Narrenfreiheit verschaffe.
Das, Herr Merz, ist unsere Realität. Nicht das Stadtbild.
Es ist ein jahrzehntelanges Klima, das gewachsen ist, in dem Mädchen und Frauen lernen mussten, Verantwortung für die Gewalt, männlicher Gewalt, zu übernehmen.
Wenn Sie also die Sicherheit von Töchtern ansprechen, dann tun Sie es bitte ehrlich: Sprechen Sie über Gleichstellungspolitik, über Aufklärung, über konsequente Strafverfolgung bei Gewalt und Übergriffen gegen Frauen. Sprechen Sie über die finanzielle Absicherung von Frauenhäusern,
über Programme gegen Männergewalt, über sexualpädagogische Bildung in Schulen. Sprechen Sie konsequent über die Täter, vor denen wir wirklich geschützt werden müssen, in unseren eigenen vier Wänden, in unseren Freundes- und Bekanntenkreisen. Sprechen Sie über Strukturen, die sich zum Wohle von Frauen und Mädchen ändern müssen, nicht über das Stadtbild.
Und sprechen Sie vor allem nicht für uns, nehmen Sie uns nicht die Worte aus dem Mund, machen Sie uns nicht klein. Wir sind da, wir haben eine Stimme, mit der wir seit Jahrzehnten sprechen, der aber nicht zugehört wird. Weil es nicht gefällt, weil es unbequem ist, weil es deutlich mehr Arbeit bedeutet.
Aber wir wollen genau das: Hören sie uns ernsthaft zu, verändern Sie Strukturen, auch wenn es politisch unbequem wird!
Ich wünsche mir, dass meine Tochter in einer Gesellschaft aufwächst, in der Politiker nicht nur über sie reden, um Ängste zu schüren und sie zu instrumentalisieren, sondern in der Politiker sie ernst nehmen und sich für sie einsetzen. Nicht reden, sondern handeln. Sich nicht um ein Stadtbild kümmern, sondern um das dahinterstehende Problem. In der sie gewillt sind, eine Haltung eines Teils der Gesellschaft nachhaltig zu ändern, damit der andere Teil der Gesellschaft frei und ohne Ängste und Sorgen leben kann.
Ich weiß, dass meine Tochter ein wunderbares, schlaues und mutiges Kind ist, das sich frei bewegen und entfalten möchte. Ich möchte, dass sie so bleibt. Dass sie nicht den Schlüssel in ihrer Faust umspielen muss, um sich wehren zu können. Dass sie ohne Sorge auch alleine nach Hause gehen kann. Dass sie anziehen kann, was und wie sie es möchte, ohne Schutzvorkehrungen vornehmen zu müssen.
Hören Sie zu, sprechen Sie faktenbasiert und lösungsorientiert darüber, vermeiden Sie Mistgabeln- und Fackeln-Rhetorik!
Mit freundlichen Grüßen
Eine Tochter. Eine Mutter. Eine Bürgerin